TRIGGERWARNUNG: 

Dieses Buch behandelt sensible und potenziell belastende Themen, darunter Tod, Krankheiten, Krieg, Gewalt, Folter, Übergriffigkeit, Manipulation und Trauma.

Diese Inhalte können starke emotionale Reaktionen hervorrufen. Falls du mit einem dieser Themen persönliche Erfahrungen gemacht hast oder dich unwohl fühlst, nimm dir die Zeit, auf dich selbst zu achten. Es ist vollkommen in Ordnung, eine Pause einzulegen oder Unterstützung zu suchen.

Falls du Hilfe benötigst, wende dich bitte an Vertrauenspersonen oder professionelle Beratungsstellen.

Pass gut auf dich auf.


Kapitel 1:

Mein schlimmster Albtraum ist heute Wirklichkeit geworden. Ausgerechnet an meinem Geburtstag knie ich schluchzend im durchnässten Gras und blicke auf den reglosen Körper meines Bruders hinunter. Der Regen hat sein dunkles Haar an seine Stirn gedrückt und rinnt über sein blasses Gesicht, als könnte selbst der Himmel nicht begreifen, dass Leonardo nicht mehr atmet. Seine Brust hebt sich nicht. Seine Lippen bewegen sich nicht. Er sieht nur noch aus, als würde er schlafen und müsste jeden Moment die Augen öffnen, weil ich seinen Namen rufe.

Doch seine Haut ist kalt. Diese Kälte dringt durch meine Fingerspitzen, als ich seine Wange berühre, und frisst sich bis in mein Herz hinein. Ich möchte meine Hand zurückziehen, doch ich kann es nicht. Solange ich ihn berühre, fühlt es sich an, als wäre noch nicht alles verloren.

»Es tut mir so leid«, flüstere ich heiser. Meine Stimme ist kaum hörbar zwischen dem Regen und dem leisen Rauschen der Bäume. »Ich konnte euch nicht helfen.«

Die Pest hat mir alles genommen. Meine Familie, mein Zuhause und jeden Glauben daran, dass das Leben noch etwas Gutes für mich bereithalten könnte. Alles, außer mich. Doch auch das wird nicht so bleiben. Irgendwann wird sie mich finden, vielleicht morgen, vielleicht erst in Monaten, wenn ich gerade beginne zu glauben, dass ich verschont bleiben könnte. Dann werden die Flecken kommen. Zuerst klein und harmlos, dann größer, wund und schmerzhaft, bis mein Körper sich gegen mich wendet und von mir nur noch eine entstellte Leiche übrigbleibt.

Dann wird niemand mehr da sein, um mich zu betrauern. Niemand wird meine Hand halten oder meinen Namen aussprechen, als würde er noch etwas bedeuten.

Man wird mich im Wald zurücklassen, genau wie all die anderen Menschen, die diese Insel längst verschluckt hat. Vergessen und unbemerkt werde ich zwischen den Bäumen liegen, während das Leben ohne mich weitergeht. Vielleicht wünsche ich mir sogar, dass dieser Tag schneller kommt, als ich jemals zugeben könnte, denn ich kann nicht mehr. Mit zitternden Händen lege ich Leonardos schweren Körper auf den weichen Boden. Ich habe ihn vom Haus bis hierhergezogen, während seine Füße über den nassen Waldboden geschleift haben und meine Arme immer wieder beinahe nachgegeben hätten.

Jetzt liegt er unter den kahlen Bäumen, deren Äste sich im Wind bewegen, als würden sie über uns wachen. Vorsichtig streiche ich ihm eine nasse Haarsträhne aus der Stirn. »Leonardo«, flüstere ich, und schon bei seinem Namen bricht meine Stimme. »Grüß Mama, Papa und Xaden von mir. Sag ihnen, dass ich sie liebe.«

Meine Kraft verlässt mich. Ich sinke neben ihm in den Schlamm und presse beide Hände gegen meinen Mund, damit mein Schluchzen nicht durch den Wald hallt. Doch der Schmerz sitzt zu tief. Er findet trotzdem einen Weg nach draußen, erst leise und erstickt, dann so heftig, dass mein ganzer Körper davon bebt.

Vor vier Jahren hat alles begonnen. Die Pest ist schon lange ein ständiger Begleiter unserer Tage. Jeder im Dorf kennt jemanden, den sie geholt hat, und doch spricht niemand gern darüber. Sie ist ein lautloser Feind, der von Haus zu Haus zieht und die Menschen mit Angst zurücklässt, während niemand wirklich versteht, warum manche erkranken und andere verschont bleiben. Als mein Vater die ersten Flecken bekam, nahm das Unheil endgültig seinen Lauf.

An diesem Nachmittag spielte ich mit Leonardo und Xaden vor unserem Haus. Die Sonne wärmte meine Wangen. Xaden hatte mir einen Kranz aus kleinen weißen Blumen geflochten, den ich viel zu stolz auf dem Kopf trug. Leonardo behauptete, ich sehe aus wie eine Königin, woraufhin ich mich so tief vor ihm verbeugte, dass der Kranz herunterfällt und die Hühner erschrocken über den Hof flatterten. 

Dann hörten wir den Schrei unserer Mutter. Er war so verzweifelt, dass alles in mir still wurde. Wir rannten ins Haus und fanden Vater auf seinem Bett. Seine Haut war übersät mit rötlichen Flecken, die sich über seinen Hals, seine Arme und seine Wangen zogen. Sie sahen aus wie die ersten Spuren eines Feuers, das unter seiner Haut brannte.

Zuerst wollten wir glauben, es sei etwas Harmloses. Eine Reaktion auf Kräuter, vielleicht ein Insektenstich oder Fieber. Doch wir wussten es besser. Wir alle wussten es. Es war die Pest, die seit meiner Geburt Leben um Leben forderte. Niemand entkam ihr, sobald sie sich im Körper ausbreitete, und niemand wurde geheilt. Sobald die ersten Flecken erschienen, blieb nur die Frage, wie lange ein Mensch die Schmerzen noch aushalten konnte. 

Ich sehe meine Mutter noch immer vor mir, wie sie sich über Vater beugte und seine kalte Stirn berührte. Tränen liefen über ihr Gesicht, doch sie wischte sie nicht fort. »Es tut mir leid«, flüsterte sie. Diese Worte habe ich nie wieder vergessen. Und nun sind sie auch meine geworden. »Wären wir doch nur fortgegangen«, schluchze ich und sehe Leonardo an.

Mein Herz schlägt so hart gegen meine Brust, dass ich glaube, es müsse daran zerbrechen. »Hätten wir alles zurückgelassen, dann hätten wir vielleicht überlebt.«

Doch wir sind geblieben, zu lange und zu verängstigt, um die Insel zu verlassen. Wir sind starr vor Angst gewesen, weil niemand wusste, ob außerhalb des Meeres überhaupt ein besseres Leben auf uns wartet. Vielleicht haben wir auch einfach gehofft, die Krankheit würde an unserer Tür vorbeiziehen, wenn wir nur lange genug warten. Nach meinem Vater folgte meine Mutter. Sie starb genauso qualvoll. Ihre Schreie drangen durch die Wände unseres kleinen Hauses, bis sie sich tief in meine Erinnerungen eingruben. Selbst jetzt höre ich sie noch manchmal, wenn die Nächte zu still werden und der Wind um die Fenster weht.

Dann traf es Xaden, meinen ältesten Bruder und Beschützer. Er ist immer derjenige gewesen, der mich auf die Schultern nahm, wenn ich beim Wandern nicht weitergehen wollte. Derjenige, der nachts mein Fenster schloss, weil ich Angst vor Gewittern hatte. Derjenige, der mir sagte, dass alles gut wird, selbst dann, wenn er längst wusste, dass es eine Lüge ist.

Und nun ist auch Leonardo fort. Mein Leonardo, der immer an meiner Seite gewesen ist. Wenn Xaden und ich stritten, stellte er sich zwischen uns und versuchte, uns zum Lachen zu bringen. Wenn ich traurig war, setzte er sich wortlos neben mich, bis ich seine Nähe nicht mehr ignorieren konnte. Er hatte nie viele große Worte gebraucht. Allein die Tatsache, dass er da war, hatte mir gereicht. Jetzt habe ich sie alle verloren, Stück für Stück, bis nichts mehr von dem Leben übrig ist, das wir einmal miteinander geteilt haben. Ich weiß nicht, wie ich das überstehen soll.

Den Tod meiner Liebsten erlebe ich nun zum vierten Mal. Jedes Mal ist es dieselbe qualvolle Hölle. Dieselben entstellten Körper und dieselben verbrannten Wunden, die aussehen, als würde etwas die Menschen von innen heraus zerfressen. Jedes Mal bleibt diese hilflose Frage zurück, warum sie sterben mussten, während ich noch hier bin. Erschöpft versuche ich aufzustehen. Meine Handflächen drücken sich in den feuchten Boden, doch meine Arme geben nach und ich sinke wieder zurück.

Für einen Moment schließe ich die Augen, weil ich Leonardos reglosen Körper nicht ansehen kann, ohne das Gefühl zu haben, innerlich auseinanderzubrechen.

Er verdient ein Grab, genau wie der Rest meiner Familie. Tief im Wald, an dem ein schmaler Bach zwischen den Wurzeln fließt und die Bäume im Wind leise rauschen. Dort, wo die Pest sie nicht mehr erreichen kann und sie wenigstens in der Erde zusammen sind. Vielleicht sollte ich mein eigenes Grab gleich daneben schaufeln. Wer sonst würde es tun, wenn auch ich krank werde? »Es wird nicht mehr lange dauern. Ich komme bald zu euch. Wir werden wieder zusammen sein, oder?«

Die Tränen brennen auf meinen kalten Wangen. Meine Brust schmerzt unter der Last der Einsamkeit, die mich immer tiefer in sich hineinzieht. »Ich hasse es, ohne euch zu leben. Wieso musste ich bleiben? Warum hat es mich nicht zuerst getroffen? Gott, hol mich bitte zu ihnen.«

Mit beiden Händen umfasse ich den Stiel der Schaufel und stoße sie in den matschigen Boden. Die Erde klebt daran und lässt sich nur widerwillig lösen. Nach wenigen Bewegungen schmerzen meine Schultern, doch ich grabe weiter, weil Leonardo nicht hier liegen bleiben darf. »Was soll ich mit unseren Tieren machen?« Mein Blick wandert über die Lichtung. In der Ferne stehen unsere Kühe und Hühner dicht beieinander. Die Schafe drängen sich unter ihrem schiefen Unterstand zusammen. Sie wissen nicht, dass sich alles verändert hat. »Sie brauchen Futter. Sie können doch nicht einfach verhungern.« Ein Wimmern steigt in meiner Kehle auf.

Vielleicht sollte ich die Zäune öffnen, bevor es vorbei ist. Die Tiere könnten fortlaufen und sich einen anderen Ort suchen. Sie könnten frei sein, wenn ich es nicht mehr kann. »Das ergibt doch Sinn, oder, Leonardo? Sag doch etwas.« Meine Worte hallen zwischen den dunklen Stämmen wider, doch die Stille verschluckt sie sofort. Es ist immer derselbe Ablauf.

Nachdem ich mir die Seele aus dem Leib geweint habe, zwinge ich mich aufzustehen und weiterzumachen. Auch heute lege ich Leonardos Arm über meine Schulter und ziehe ihn mühsam durch den Wald zu der Stelle, an der unsere Familie auf ihn wartet. Mehr als einmal drohe ich auf dem schlammigen Boden auszurutschen. Trotzdem gebe ich nicht auf, denn er soll nicht hierbleiben.

Die Krankheit hat ihm das Leben genommen, aber sie wird ihm nicht auch noch seine Würde nehmen. Meine Familie hatte immer Angst davor gehabt, die Toten zu berühren. Sie fürchteten, sich dadurch anzustecken. Ich sehe es anders. Es ist mir gleichgültig, ob die Pest mich holt, weil ich ihre Hände halte, oder ob sie mich irgendwann ohnehin findet. Ich habe Vaters kalten Körper umarmt, als er starb. Ich habe Mutter die Tränen aus dem Gesicht gewischt, obwohl sie mich nicht mehr sehen konnte.

Bei Xaden habe ich stundenlang an seinem Bett gesessen und seine Hand gehalten, bis seine Finger in meiner erstarrt sind. Als könnte ich ihnen so noch einen letzten Funken Wärme schenken und sie dadurch bei mir behalten.

Ich grabe immer weiter. Die Schaufel bohrt sich in die Erde, während sich der Schmerz wie ein enger Ring um meinen Kopf legt. Regen, Bäume und Grab verschwimmen vor meinen Augen, doch ich zwinge meine Arme, weiterzumachen, bis das Loch tief genug ist. Dann lasse ich die Schaufel fallen und starre in die dunkle Erde. »Ich liebe dich, Leonardo«, flüstere ich. »Grüß die anderen von mir.« Dieses Mal wartet niemand mehr auf mich. Niemand stellt mir am Morgen Essen hin, selbst wenn ich keinen Hunger habe. Niemand wischt meine Tränen fort oder zieht mich mit zitternden Armen an sich, weil wir uns wenigstens noch gegenseitig haben. Es gibt nur noch diese verzweifelte Stille, und ich weiß, dass sie bleiben wird, bis auch mich die Krankheit einholt. Sie wird mich einholen.

Bestimmt nicht heute und eventuell auch nicht morgen, doch irgendwann wird es geschehen. »Wer hat mich gerufen? Ja, das warst du. Wer hat mich geschlagen? Ja, das warst du. Oh, Schmerzen habe ich nicht. Mach dir keine Sorgen um mich, denn mein Bruder ist kein Bösewicht.«

Schwach lächelnd summe ich die Worte vor mich hin. Leonardo hatte dieses Lied immer gesungen, wenn ich traurig war. Dabei ist es eigentlich mein Lied. Ich habe den albernen Vers mit vier Jahren erfunden, nachdem wir uns wieder einmal wegen einer Kleinigkeit gestritten hatten. Unsere Mutter hatte sich immer große Sorgen gemacht, obwohl wir uns nie ernsthaft verletzt hatten. Ich habe es deshalb immer gesungen, damit sie versteht, dass alles in Ordnung war. »Es ist Zeit, sich zu verabschieden, Bruder.«

Ich zittere nicht nur vor Kälte, sondern auch vor Erschöpfung. Mein Nachtgewand ist viel zu dünn für diese Nacht, doch als Leonardo starb, hatte ich keine Zeit gehabt, mich umzuziehen. Alles ist so schnell gegangen, dass ich nur noch handeln konnte. Jetzt spüre ich den nassen Stoff auf meiner Haut kaum noch. Ich werfe einen letzten Blick auf seinen leblosen Körper und spüre, wie sich meine Kehle zuschnürt.

»Du wirst mir fehlen, Leonardo.« Vorsichtig greife ich nach seinen Schultern und ziehe ihn zum Grab. Als er in die Tiefe gleitet, durchbricht ein erschütterndes Knacken die Nacht. Ich zucke zusammen und stolpere zurück. Dann sehe ich das Blut, das aus seinem Körper quillt und sich wie dunkle Tinte in der kalten Erde ausbreitet. Mein Magen verkrampft sich augenblicklich. Ich taumle ein paar Schritte zurück, falle auf die Knie und übergebe mich. Der saure Geschmack in meinem Mund ist nichts gegen den bitteren Kloß in meiner Seele. »Es tut mir leid, Leonardo«, hauche ich, während die Tränen über mein Gesicht laufen.

Ich will ihn nicht sehen. Nicht so. Der faulige Geruch schlägt mir entgegen und drängt mich dazu, es schnell zu beenden, obwohl sich jeder Teil von mir dagegen wehrt. Ich greife nach der Schaufel und beginne, Erde auf seinen Körper zu werfen. Das dumpfe Geräusch des Drecks lässt mich bei jedem Aufprall zusammenzucken, doch ich höre nicht auf, bis er unter der Erde verborgen ist.

Vor ein paar Tagen habe ich ein kleines Schild aus Holz vorbereitet. Es ist ein verzweifeltes Projekt gewesen, weil ich gewusst habe, dass dieser Tag kommen würde. Leonardos Beschwerden sind immer schlimmer geworden, und ich habe es in seinen Augen gesehen, selbst wenn er mir stets eingeredet hat, es gehe ihm besser. Nun stehe ich vor seinem Grab und starre auf die frisch aufgeworfene Erde.

»Ich hoffe, du hast Frieden gefunden, Leonardo.« Meine Hände zittern so stark, dass ich das Schild kaum in den Boden stecken kann. Du bleibst immer in unseren Gedanken, Leonardo, steht darauf. Mir ist nichts Besseres eingefallen. Die anderen Worte, die mir früher Trost gespendet haben, stehen bereits auf den Gräbern meiner Eltern und von Xaden.

Der Regen wird stärker, doch ich spüre ihn kaum. Ich sinke auf den matschigen Boden neben dem Grab. Schlamm dringt durch mein Nachtgewand, klebt an meinen Knien und meinen Händen, aber es bedeutet mir nichts. Die Einsamkeit trifft mich mit einer Wucht, die mir für einen Moment den Atem nimmt. Ich frage mich, wie lange es dauern wird, bis auch ich die ersten Symptome bekomme. Es gibt so wenig Wissen über diese Krankheit. Nur eines weiß ich sicher. Tiere sind nicht betroffen. Der menschliche Körper zeigt zuerst rötliche Flecken, die so harmlos aussehen, dass man sie leicht übersehen könnte.

Mit der Zeit entzündet sich die Haut, wird wund und platzt auf, als wäre sie verbrannt worden. Bei manchen dauert es Jahre, bei anderen nur Monate. Am Ende bringt der Tod Erlösung von Schmerzen, die niemand lange ertragen kann. Am schlimmsten aber ist die Sonne.

Leonardo hat vor Schmerzen geschrien, als er einmal nur ein paar Eier aus dem Garten holen wollte. Die wenigen Schritte haben ihn so sehr geschwächt, dass er danach stundenlang nicht mehr aufstehen konnte.

Später hat er die Fensterläden geschlossen gehalten und den Tag gefürchtet, als wäre das Licht selbst zu seinem Feind geworden. Er hat es so sehr gehasst. Eine Träne läuft über meine Wange. Ich wische sie erschöpft mit dem Handrücken fort. Es ist schwer gewesen, meine Familie leiden zu sehen. Ich habe ihnen immer helfen und ihren Schmerz fortnehmen wollen, doch nichts hat geholfen. Nicht die Besuche bei den Heilern, nicht die endlosen Nachforschungen in alten Büchern und nicht die Kräuter, für die ich Monate gearbeitet habe, weil man ihnen magische Heilkräfte nachgesagt hat. Alles ist vergebens gewesen.

Manche nennen die Krankheit eine Strafe Gottes. Sie sagen, Gott wolle diese Insel auslöschen. Früher habe ich sie für verrückt gehalten, doch mittlerweile glaube ich ihnen. Über mir glitzern Sterne zwischen den grauen Wolken. Ich kann meinen Blick nicht von ihnen abwenden. Wie oft haben Xaden und ich sie gezählt, als alles noch einfach gewesen ist und ich noch ein Kind sein durfte.

Wir liegen nebeneinander im hohen Gras hinter unserem Haus. Xaden hat die Hände hinter dem Kopf verschränkt, während ich zum Himmel zeige und viel zu schnell zähle, weil ich unbedingt beweisen will, dass ich es kann. Xaden lacht. »Du hast die Zahl achtundzwanzig übersprungen«, sagt er. »Nein, habe ich nicht.« Oder etwa doch? »Doch.« Ich verschränke beleidigt die Arme. »Dann zähl du doch.« Er rückt näher, nimmt meine Hand und sagt: »Wir zählen zusammen.«

Ab siebenundzwanzig konnte ich damals nicht mehr weiterzählen. Ich verwechselte die Zahlen und brachte alles durcheinander. Xaden begann geduldig mit mir von vorn zu zählen. Es wurde unser kleines Ritual. Auch heute stoppe ich noch bei der Zahl siebenundzwanzig, obwohl ich längst weiß, wie die Zahlen weitergehen. Dann fühlt es sich so an, als wäre Xaden noch bei mir.

»Eins, zwei, drei«, beginne ich zu zählen. Meine Stimme ist leise, doch der Wind nimmt die Worte mit. Regen schlägt mir ins Gesicht und zwingt mich, immer wieder zu blinzeln. »Fünfundzwanzig, sechsundzwanzig, siebe-« Ein lauter Knall zerreißt die Stille der Nacht. Ich fahre zusammen. Ein greller Lichtstrahl schießt durch die Dunkelheit und erhellt die Bäume neben mir, bevor er sofort wieder verschwindet.

Der Knall ist aus dem Wald gekommen, so nah, dass mein Herz augenblicklich schneller schlägt. Reflexartig komme ich auf die Beine und greife nach der Schaufel. Meine Schwerter liegen zu Hause, ein dummer Fehler, der mir jetzt schmerzhaft bewusst wird. Doch die Schaufel muss genügen. »Wer ist da?«, rufe ich in die Dunkelheit. »Wer befindet sich im Wald?« Seit Jahren ist hier niemand mehr gewesen. Seit die Pest mein Dorf heimgesucht hat, hat kein Mensch diese Insel betreten. Sie ist leer.

Mit schnellen Schritten laufe ich in die Richtung, aus der das Licht gekommen ist. Der Vollmond beleuchtet den Wald gerade so weit, dass ich die schwarzen Silhouetten der Bäume erkennen kann. Nasse Äste streifen meine Schultern, während meine Füße über Wurzeln und Laub stolpern.

»Hallo?«, rufe ich erneut, doch wieder bleibt alles still. Dann höre ich ein leises Piepen, kaum lauter als das Summen eines Insekts. Ein zweites Piepen folgt, und diesmal erkenne ich, dass das Geräusch von unten kommt. Ich lasse meinen Blick über den Boden schweifen, bis ich etwas Helles entdecke, das sich deutlich von der Dunkelheit des Waldbodens abhebt.

Langsam senke ich die Schaufel und gehe in die Knie. Vor mir liegt ein großes, geöffnetes Ei. Ich runzle die Stirn, denn es ist viel zu groß, um von einer meiner Hennen zu stammen. Die Schale glänzt feucht im Mondlicht und ist an einer Seite aufgebrochen. Als ich mich weiter vorbeuge, streift warme Luft meine Hand. Erschrocken taumle ich zurück und lande unsanft auf dem Boden. Neben dem geöffneten Ei liegt ein Tier. Es bewegt sich schwach und piept leise.

Seine glänzenden Augen sind auf mich gerichtet. Es sieht aus wie ein Vogel, zumindest hat es Flügel, doch ich habe noch nie etwas gesehen, das diesem Wesen ähnelt. Die Flügel sind klein und zittern bei jeder Bewegung. Sein Körper wirkt feucht und erschöpft, als hätte das Schlüpfen ihm jede Kraft genommen. »Du warst das vorhin?«, frage ich und starre es an. Ein weiteres Piepen entweicht seiner Kehle. Ich vermute, dass es gerade erst geschlüpft sein muss. Vielleicht ist seine Mutter in der Nähe. Unsicher beuge ich mich wieder vor. Das Wesen greift mich nicht an, trotzdem kann ich nicht wissen, ob es ungefährlich ist. Langsam strecke ich eine Hand nach ihm aus, halte aber inne. Sollte ich es überhaupt anfassen? 

Mein Verstand sagt mir, ich soll es hierlassen. Seine Mutter wird es suchen. Bestimmt beobachtet sie mich sogar aus einem der Bäume und wartet nur darauf, dass ich mich entferne. Doch ein leiser Zweifel bleibt. Was, wenn sie längst tot ist und dieses kleine Wesen niemanden mehr hat, genau wie ich?

»Was mache ich jetzt nur mit dir?«, murmele ich. Es beobachtet mich weiterhin reglos. Schnell rappele ich mich auf, greife wieder nach der Schaufel und schüttle den Gedanken ab, ihm helfen zu müssen. Ich darf mich nicht einmischen. Meine Kehle fühlt sich eng an, doch ich zwinge mich, ohne einen weiteren Blick zurück zum Haus zu laufen. Der kalte Wind peitscht mir ins Gesicht, während der Regen sich in jede Faser meines dünnen Nachtgewandes bohrt. Hinter mir höre ich das eindringliche Piepen des Wesens. Es verfolgt mich nicht, und doch klingt es, als würde es nach mir rufen. Ich ignoriere es, so gut ich kann.

Als ich endlich die Tür hinter mir schließe, lehne ich mich mit dem Rücken dagegen und sacke auf den Boden. Ich will mich nur umziehen, mich wärmen und vielleicht etwas Wasser trinken, bevor ich mich noch einmal zu Leonardos Grab setze. Doch kaum habe ich den nassen Stoff abgestreift, übermannt mich die Erschöpfung. Ich falle auf mein Bett und versinke in einen traumlosen Schlaf.

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Die Lichtstrahlen des Morgens fallen durch die schmalen Ritzen der Fensterläden und reißen mich aus einem schweren Schlaf. Für einige Atemzüge liege ich reglos auf meinem Bett und starre zur Holzdecke hinauf, während mein Körper sich anfühlt, als wäre ich nicht nur eine Nacht, sondern ein ganzes Jahrhundert lang in die Erde gesunken. Das Grauen legt sich wie eine Hand auf meine Brust und drückt mir die Luft aus den Lungen. Hastig setze ich mich auf, weil ich das Gefühl habe, sonst wieder in diesen Albtraum hineingezogen zu werden.

»Reiß dich zusammen«, murmele ich leise vor mich hin. Früher hätte Mutter mich dafür zurechtgewiesen, dass ich so mit mir selbst spreche. Sie hätte mich an den Schultern gepackt, mir in die Augen gesehen und gesagt, dass Traurigkeit nichts ist, wofür man sich schämen muss. Doch sie ist nicht mehr hier, um mir das zu sagen. Also zwinge ich mich aufzustehen, obwohl meine Beine schwach sind und mir beim ersten Schritt kurz schwarz vor Augen wird.

Ich ziehe mir ein trockenes Kleid über, binde meine Haare notdürftig zusammen und verlasse das Haus, bevor ich es mir anders überlegen kann. Im Garten pflücke ich die verwelkten Blumen, die zwischen den Beeten noch übriggeblieben sind. Früher hat Mutter darauf bestanden, dass wir die schönsten Blüten nur zu besonderen Anlässen abschneiden. Für Geburtstage, für den Tisch oder für kleine Kränze, die wir uns ins Haar flechten. Ich fülle meine Lungen mit der klaren Morgenluft und lasse die Frische für einen kurzen Moment durch meinen müden Körper strömen.

Der Boden ist noch immer nass vom Regen der vergangenen Nacht. Schon nach wenigen Schritten weichen meine Schuhe durch, wodurch kaltes Wasser bis zu meinen Zehen sickert.

Als ich die Gräber erreiche, bleibe ich stehen. Vier kleine Erdhügel liegen zwischen den Bäumen. Die hölzernen Schilder stecken schief im Boden. Ich sollte sie gerade richten und die Erde um die Gräber herum glätten. Vielleicht sollte ich auch neue Blumen pflanzen, damit dieser Ort weniger aussieht wie ein Stück Wald, das die Menschen vergessen haben. Doch mir fehlt die Kraft dazu. Mit einem schwachen Lächeln gehe ich zu den Gräbern und lege jedem ein paar der verwelkten Blumen hin.

»Guten Morgen. Wie geht es euch heute? Mir geht es furchtbar.« Ein bitteres Lachen bricht durch meine Stimme, doch es vergeht sofort wieder. Ich setze mich in das feuchte Gras zwischen die Gräber und verschränke die Hände in meinem Schoß. »Aber macht euch keine Sorgen. Es ist alles in Ordnung, schließlich bin ich trotzdem hier bei euch.« Ich schließe die Augen und atme tief ein. »Gestern bin ich übrigens fünfzehn geworden.« Mein Blick wandert über die feuchte Erde zu Leonardos Grab.

Meine Gedanken gleiten zurück in eine Zeit, die so weit entfernt scheint, dass ich sie kaum noch berühren kann. In die Jahre vor der Pest, als das Leben nicht aus Angst, Schmerz und Abschied bestand. Damals ging ich zur Schule, lernte lesen und schreiben, half Mutter im Garten und hörte Vater zu, wenn er am Abend Geschichten erzählte. Ich habe nie viele Freunde gehabt, doch ich habe sie auch nicht gebraucht. Meine Familie reichte mir vollkommen. Diese Welt existiert nicht mehr. Die Schule hat geschlossen, weil keine Kinder mehr da sind, die sie besuchen könnten.

Fast alle Familien haben die Insel verlassen oder sind an der Pest gestorben. Manche sind geflohen, als die Krankheit sich immer weiter ausgebreitet hat. Sie haben gehofft, dass das Meer zwischen uns und dem Rest der Welt sie retten würde. Nur wir sind zu lange geblieben.

Stunden vergehen, während ich bei den Gräbern sitze und mit meiner Familie spreche, obwohl mir keine Stimme antwortet. Ich rede, bis mir die Worte ausgehen und mein Hals schmerzt. Als die Dämmerung den Wald langsam in graues Licht taucht, zwinge ich mich schließlich aufzustehen. Mein Magen ist leer, aber auch das spielt keine Rolle. Hunger ist ein Gefühl, das ich längst verdrängt habe, zusammen mit so vielen anderen Bedürfnissen, die früher selbstverständlich gewesen sind. Auf dem Rückweg höre ich es wieder. Ein schwaches Geräusch, das ich sofort erkenne. Das Piepen. Mein Herz setzt für einen Schlag aus. Es ist leiser als gestern, aber unverkennbar.

Obwohl ich mir eingeredet habe, dass ich mich nicht einmischen darf, zieht mich eine unbändige Neugier zurück zu der Stelle, die ich gestern widerwillig verlassen habe. Zwischen den Wurzeln eines großen Baumes liegt noch immer das geöffnete Ei. Daneben liegt das Lebewesen. Es hat sich irgendwie verändert. Sein Körper wirkt größer als gestern. Als ich nähertrete, hebt es langsam den Kopf. Seine rötlichen Augen richten sich auf mich. Der Blick ist so durchdringend, dass ein Schauder über meinen Rücken läuft. Die Augen verengen sich, und ich kann nicht sagen, ob darin Angst, Wut oder etwas ganz anderes liegt.

»Du bist immer noch hier?« Ein Piepen entweicht seinem Schnabel. Für einen Moment starren wir uns einfach nur an. Seine Augen bleiben auf mir liegen, als wüsste es genau, dass ich es gestern im Stich gelassen habe. Schuld kriecht in meine Brust. Ich schlucke hart und blicke zwischen die Bäume. Wo ist seine Mutter? Warum ist sie nicht zurückgekommen? Doch in der Dunkelheit regt sich nichts.

»Was soll ich nur mit dir machen?«, murmele ich und knie mich vor ihm hin. Mein Herz schlägt schneller, während meine Gedanken sich überschlagen. Kann ich es wirklich einfach hierlassen? Es ist nicht meine Schuld, wenn seine Mutter nicht zurückkommt. Ich kenne dieses Lebewesen nicht einmal und weiß nicht, ob es gefährlich ist. Doch als ich in seine roten Augen sehe, die mir so fremd und gleichzeitig seltsam vertraut vorkommen, weiß ich, dass ich keine Wahl habe. Das schlechte Gewissen zieht sich immer fester in meiner Brust zusammen, bis ich es kaum noch ignorieren kann.

»Ich werde dir helfen. Aber nur, weil du irgendwie süß bist, auch wenn ich absolut keine Ahnung habe, was du bist.« Zögerlich strecke ich die Hand aus. Doch plötzlich zuckt es zurück. Bevor ich begreifen kann, was geschieht, verschwindet es. Ich starre auf die Stelle vor mir. Dort liegen nur der schlammige Boden, ein paar nasse Blätter und die aufgebrochene Eierschale.

Das Lebewesen ist fort. Einfach fort, als hätte es nie existiert. Mein Atem stockt. »Habe ich mir das eingebildet?«, flüstere ich und taste mit ungläubigem Blick die Stelle ab, an der es eben noch gelegen hat. Dabei berühre ich etwas. Winzige Federn streifen meine Haut. »Was?« Ich sehe nichts außer den Boden, doch das Gefühl unter meinen Fingerspitzen ist eindeutig. Das Tier ist da noch. Als ich meine Hand reflexartig zurückziehe, höre ich ein Plumpsen, gefolgt von einem empörten Piepsen. Im nächsten Moment taucht es direkt vor meinen Augen wieder auf, als wäre nichts geschehen. Ich starre es fassungslos an.

»Oh mein Gott ...«, hauche ich und blicke auf meine zittrigen Hände. »Ich werde also verrückt.« Noch immer spüre ich die Wärme seines kleinen Körpers an meinen Fingern.

Langsam strecke ich die Hand erneut aus, dieses Mal vorsichtiger. Das Wesen beobachtet mich mit seinen glühend roten Augen. Dann beugt es sich plötzlich vor und sticht mit seinem Schnabel gegen meinen Finger. Ein stechender Schmerz fährt durch meine Haut. Ich ziehe die Hand zurück und starre die kleine Wunde an, aus der ein Tropfen Blut quillt. Wut schießt impulsiv in mir hoch. Es ist leichter, wütend auf dieses seltsame Lebewesen zu sein, als all die Trauer zu fühlen, die in mir wartet.

»Du versuchst mir weh zu tun? Undankbar bist du auch noch.« Ohne weiter darüber nachzudenken, schüttle ich den Schmerz aus meiner Hand. »Sieh zu, wie du allein klarkommst. Viel Glück dabei, Kleiner.«

Frustriert richte ich mich auf und wende mich ab. Doch kaum habe ich einen Schritt gemacht, ertönt das Piepen erneut. Es ist lauter als zuvor und so fordernd, dass es durch die Dunkelheit schneidet wie ein verzweifelter Hilferuf. Ich bleibe stehen und schließe die Augen. Es ist nur ein komischer Vogel. 

Als ich mich wieder umdrehe, sehe ich, wie das Lebewesen versucht aufzustehen. Es schafft es kaum, seine kleinen Flügel auszubreiten, bevor es wieder auf den Boden zurücksinkt. Ein weiteres Piepen entweicht seiner Kehle, diesmal leiser und erschöpfter. Ein Seufzen löst sich aus meiner Brust. Es braucht mich ... »Na schön«, seufze ich und gehe zurück. »Doch beiß mich noch einmal, und ich lasse dich wirklich hier.«

Mit einem vorsichtigen Griff hebe ich das Tier auf. Sein Körper zittert in meinen Händen, während es weiter piepst. »Guten Abend, Twills«, sage ich, als ich die Hütte meiner Kuh erreiche. Twills hebt den Kopf und sieht mich mit ihren großen Augen an. »Wir brauchen Milch für den Kleinen. Vielleicht suche ich auch noch ein paar Würmer. Was isst du überhaupt?« Ich sehe auf das Tier in meinen Händen hinunter und weiß noch immer nicht, was ich vor mir habe. Ist es überhaupt ein Vogel? Und wenn es einer ist, essen Vögel direkt nach dem Schlüpfen Würmer oder trinken sie zuerst Milch? 

Ich habe keine Ahnung. In der Schule habe ich das jedenfalls nicht gelernt.Schulterzuckend greife ich nach einem Eimer und melke etwas Milch. Twills steht geduldig da, während ich immer wieder auf das Lebewesen in meinem Schoß blicke.

Anschließend sammle ich auf dem Weg zum Bach ein paar Würmer aus der feuchten Erde. Das Tier scheint sich für sie zu interessieren, denn sein Piepen wird lauter, als ich sie ihm zeige. Am Bach knie ich mich hin und reinige vorsichtig seine verschmutzten Federn. Das kalte Wasser lässt sie glänzen, während ich den Schlamm behutsam aus seinem Gefieder streiche. Es wehrt sich dabei kaum. »Du bist ab jetzt ein Vogel«, sage ich mehr zu mir selbst als zu ihm. »Auch wenn du dich unsichtbar machen kannst, was absolut nicht normal ist.«

Während ich es vorsichtig füttere, beobachte ich fasziniert, wie es immer wieder verschwindet. Es piepst laut, wenn ich ihm etwas reiche, und wird dann plötzlich unsichtbar in meinen Händen. Die Wärme seines Körpers bleibt jedoch, ebenso wie das seltsame Gefühl von Federn unter meinen Fingern. Es ist, als wäre es da und nicht da zugleich. Nach einer Weile wird es ruhig. Der kleine Vogel, oder was auch immer er ist, schaut mich mit seinen glühend roten Augen still an. »Eigentlich bist du ganz süß«, gebe ich zu, während ein kleines Lächeln über meine Lippen huscht.

»Heute Nacht darfst du im Haus bleiben. Doch morgen verschwindest du wieder.«

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