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Dieses Buch behandelt sensible und potenziell belastende Themen, darunter Gewalt, Waffen, Tod, Mord, Drohungen, Erpressung, Folter, Entführung und traumatische Erfahrungen.
Diese Inhalte können starke emotionale Reaktionen hervorrufen. Falls du mit einem dieser Themen persönliche Erfahrungen gemacht hast oder dich unwohl fühlst, nimm dir die Zeit, auf dich selbst zu achten. Es ist vollkommen in Ordnung, eine Pause einzulegen oder Unterstützung zu suchen.
Falls du Hilfe benötigst, wende dich bitte an Vertrauenspersonen oder professionelle Beratungsstellen.
Pass gut auf dich auf.
»Mama, ich verpasse den Flug! Ich muss jetzt auflegen, sonst hebt die Maschine noch ohne mich ab. Ich habe dich lieb!« Meine Stimme zittert leicht, während ich hastig in mein Telefon spreche. In meinem Kopf hämmert nur ein einziger Gedanke: Ich wusste es, immer läuft etwas schief.
Heute darf absolut nichts dazwischenkommen. Ich darf diesen Flug unter keinen Umständen verpassen, sonst bricht mein gesamter Plan wie ein Kartenhaus zusammen. »Okay, ruf uns sofort an, wenn du gelandet bist. Versprochen, Maus?« Noch bevor ich antworten kann, schiebt sich Papas Gesicht mit ins Bild. Seine Stirn ist in tiefe, besorgte Falten gelegt, die seine Augen fast ganz verdecken. »Versprochen. Ich habe euch beide lieb!«, sage ich schnell, um den Kloß in meinem Hals zu ignorieren.
Ohne weitere Worte tippe ich auf Auflegen und stopfe das Handy zurück in meine Jackentasche. Ich sprinte sofort los. Mein Herz hämmert im harten Takt meiner Schritte auf dem glatten Linoleum des Terminals. »Es tut mir so leid, Brownie!«, rufe ich keuchend in die Transportbox hinein, die bei jedem meiner Sprünge gefährlich hin und her schwingt.
Meine geliebte Katze wird durch das Gerüttel ordentlich durchgeschüttelt, und ich kann mir vorstellen, wie sie ihre Krallen in die weiche Decke schlägt. Doch dafür bekommt sie gleich eine ordentliche Portion Leckerlis. Versprochen.
Als ich das Gate erreiche, sehe ich nur noch Leere. Die große Wartehalle ist leer. Kein einziger Passagier steht mehr an den Absperrungen, nur die ernüchternde Stille eines abgeschlossenen Boardings empfängt mich. Mein Herz rutscht mir bis in die Zehenspitzen. »Bitte nicht …«, flüstere ich gegen die Panik an, die in mir hochkriecht.
Da entdecke ich eine Mitarbeiterin in Uniform, die direkt neben der Kontrollstation steht und gerade ihre Unterlagen ordnet. Ihre Lippen ziehen sich zu einem bedauernden, fast mitleidigen Lächeln, als sie mich sieht. »Sie können nicht mehr rein. Die Maschine startet in wenigen Minuten und die Schotten sind so gut wie dicht.« Ein frustriertes Stöhnen entfährt meiner Kehle. »Bitte!«, flehe ich außer Atem und spüre den Schweiß auf meiner Stirn. »Ich muss diesen Flug nehmen, es geht nicht anders!« Fast schon verzweifelt strecke ich ihr meinen zerknitterten Boardingpass entgegen.
Instinktiv greift sie danach, schaut flüchtig darauf und hält dann plötzlich inne. Ihre Augen weiten sich für einen winzigen Moment. Sie sieht mich mit einem Blick an, den ich nicht ganz deuten kann. »Oh«, murmelt sie leise. »Sie dürfen noch an Bord, aber beeilen Sie sich jetzt wirklich.«
Während sie kurz meinen Pass scannt, vergesse ich beinahe zu atmen. Dann nickt sie mir zu, woraufhin ich erneut losrenne. Der Flieger steht noch da, aber die Tür bewegt sich bereits. Ich mobilisiere meine letzten Kräfte, reiße die Beine förmlich vom Boden und stürze mich vorwärts durch den schmaler werdenden Spalt. Ich werde es schaffen.
»Hey! Bitte warten Sie noch!« Die Flugzeugtür stoppt in der Bewegung. Mit einem leichten Ruck öffnet sie sich erneut, und ein überraschter Flugbegleiter taucht im Spalt auf. Sein Blick fällt direkt auf mich. »Es tut mir leid wegen der Verspätung«, keuche ich schwer und wische mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Es gab … Stau.« Gelogen ist das nicht einmal, auch wenn es kein Stau aus Blech und hupenden Autos war. Es war ein emotionaler Stau. Meine Eltern haben mich nicht gehen lassen wollen. Und ich? Ich wollte sie auch nicht wirklich loslassen. Der Abschied fiel uns allen sehr schwer. Wer weiß, wann wir uns das nächste Mal wiedersehen?
Der Flugbegleiter mustert mich einen Moment lang, dann schmunzelt er knapp. »Da haben Sie wirklich Glück gehabt. Kommen Sie schnell rein.«
Er tritt zur Seite, lässt mich durch die enge Schleuse treten und zeigt mit einer vagen Geste zum Gang. Ich bleibe jedoch kurz stehen. »Ich … ich habe in der Business-Class gebucht.« Er wirkt kurz irritiert, wirft einen Blick auf mein Boardingpass und hält dann kurz inne. Etwas in seinem Gesichtsausdruck verändert sich. Warum schaut er mich so an?
»Kommen Sie mit«, sagt er mit gedämpfter Stimme und wendet sich von mir ab. Ich folge ihm zögerlich, während sich ein mulmiges Gefühl in meinem Magen ausbreitet wie ein langsam wachsender Nebel. Während wir den luxuriös ausgestatteten Gang entlanggehen, werfe ich einen Blick in Brownies Box. Ihre braunen Augen blicken mir ruhig entgegen. »Wir haben es geschafft«, hauche ich ihr erleichtert zu. Ein leises Miauen ist ihre einzige Antwort. Es klingt beinahe wie ein vorwurfsvolles Endlich.
»Hier ist Ihr Platz«, sagt der Flugbegleiter schließlich und deutet auf einen breiten Fensterplatz in der zweiten Reihe. »Vielen Dank« Ich lasse mich ohne Umschweife in das weiche Polster sinken. Neben mir sitzt bereits jemand, doch ich meide jeden Blickkontakt. Ich will gar nicht wissen, wer dort sitzt oder was für ein Leben diese Person führt. Ich will einfach nur unsichtbar sein und meine Ruhe haben. Denn jetzt kommt sie wieder, diese vertraute, lähmende Beklemmung. Meine Flugangst. Sie kriecht unaufhaltsam aus den dunklen Ecken meiner Gedanken hervor und schnürt mir die Kehle zu, bis jedes Schlucken wehtut. Ich presse meine feuchten Hände auf die kalten Armlehnen und schließe für einen Moment die Augen. Nur ruhig bleiben, Ophelia.
»Liebe Passagiere, wir sind nun bereit für den Start. Falls Sie sich noch nicht angeschnallt haben, tun Sie das bitte jetzt. Die Fluggesellschaft Winslow wünscht Ihnen noch einen angenehmen Flug.« Die Stimme der Flugbegleiterin klingt beruhigend, doch in meinen Ohren hallt sie wie eine finstere Drohung wider. Mein Herz beginnt zu rasen, als hätte es den Befehl zum absoluten Alarmzustand erhalten. »Oh Gott …«
Mit zitternden Händen schiebe ich Brownies Transportbox vorsichtig unter den Vordersitz. Sie schaut mich still an, als wolle sie sagen: Wir schaffen das. Ich schenke ihr ein gequältes Lächeln. Dann schnalle ich mich hektisch an. Ich ziehe den Gurt so fest, dass er sich unangenehm in meine Hüften gräbt, aber dieser Schmerz gibt mir ein winziges Gefühl von Kontrolle. Zumindest bilde ich mir das verzweifelt ein. Gleich geht es los. Gleich hebt dieses riesige, tonnenschwere Ding vom Boden ab, als sei das das Normalste der Welt. Als sei es nicht vollkommen widersinnig, dass ein Metallvogel in den Himmel steigt, nur getragen von Technik und Hoffnung.
In meinem Kopf überschlagen sich die Katastrophenszenarien wie in einem schlechten Actionfilm. Was, wenn wir abstürzen? Was, wenn ein Triebwerk versagt? Was, wenn uns die Turbulenzen durchschütteln wie eine Plastikflasche voller Brause?
Vier ganze Stunden werden wir fliegen. Für andere ist das ein kurzer Sprung über die Wolken. Ein bisschen Lesen, ein bisschen Schlaf oder vielleicht noch ein Film. Für mich ist es aber ein Albtraum auf 12.000 Metern Höhe. Eine Ewigkeit in einer Blechdose, gefangen mit meiner Angst.
Ich presse die Lider fest zusammen und konzentriere mich auf meinen Atem. Ein. Aus. Ein. Aus.Doch mein Brustkorb fühlt sich an, als hätte jemand ein massives Gewicht daraufgelegt, das mir die Lungen zusammendrückt. Du schaffst das Ich lehne den Hinterkopf gegen die kalte Fensterscheibe und spüre das erste, leichte Vibrieren, das durch das gesamte Flugzeug wandert. Der Moment, vor dem ich mich am meisten fürchte, beginnt nun.
Als die Maschine ruckartig anfährt und die Triebwerke zu einem ohrenbetäubenden Heulen anschwellen, explodiert die Panik in meiner Brust. Meine Hände klammern sich verkrampft an die Armlehnen, als könnte ich damit den gesamten Flieger stabilisieren. Es war ein Fehler. Ein verdammter Fehler. Ich hätte den Zug nehmen sollen, egal wie lang oder chaotisch die Fahrt gewesen wäre. Auf Schienen hätte ich mich sicher gefühlt. Ich hätte es wahrscheinlich eher überlebt. Doch ich wollte Brownie den Stress mit dem Umsteigen und dem Gedränge ersparen. Dafür sitze ich jetzt hier, eingesperrt in einer dröhnenden Maschine, die bedrohlich zu zittern beginnt.
Der Gedanke daran, dass ich diesen Flug vielleicht nicht überleben könnte, ist plötzlich so real, dass mir der Atem stockt. »Das war ein großer Fehler«, flüstere ich heiser vor mich hin, während die Welt draußen vor dem Fenster beginnt, rasend schnell vorbeizuziehen. Ich spüre förmlich, wie das Flugzeug beschleunigt und Anlauf nimmt. Mein ganzer Körper verspannt sich in einem einzigen Abwehrreflex.
»Für eine so zierliche Frau hast du einen verdammt festen Griff. Du musst wirklich Angst vorm Fliegen haben.« Eine tiefe, bemerkenswert ruhige Stimme reißt mich jäh aus dem dunklen Strudel meiner Panik. Die Worte hängen für einen Moment in der vibrierenden Kabinenluft, bevor sie vollständig zu mir durchdringen.
Langsam öffne ich die Augen und drehe den Kopf zur Seite. Mein Blick trifft auf das Gesicht meines Sitznachbarn, und für einen winzigen Moment vergesse ich, wie ich heiße oder wo ich überhaupt bin. Er ist … atemberaubend. Seine schwarzen Haare sind glatt nach hinten frisiert, kein Strähnchen hängt aus der Reihe. Seine Haut ist leicht gebräunt, ein gesunder Teint, der im Kontrast zu den markanten Konturen seines Gesichts steht. Doch was mich wirklich fesselt, mich geradewegs paralysiert, sind seine Augen. Sie sind hellbraun, beinahe golden, und besitzen einen seltsamen Schimmer, der unentschlossen zwischen Spott und tiefgreifendem Interesse pendelt. Er trägt einen maßgeschneiderten Anzug in tiefem Dunkelgrün - edel, aber nicht protzig. Selbst jetzt, in dieser vibrierenden Blechdose, die jeden Moment den Boden verlassen wird, wirkt er so, als hätte er die absolute Kontrolle über alles um ihn herum. Sogar, wie mir scheint, über meine eigenen Gedanken.
Ich starre ihn an, unfähig, auch nur eine Silbe hervorzubringen. Seine Worte hängen noch immer in der Luft, aber mein Verstand hat sie kaum verarbeitet. Stattdessen analysiert mein Blick jedes Detail: wie sein Anzug an den breiten Schultern sitzt, wie seine Lippen sich zu einem kaum merklichen Lächeln heben und wie sein Blick auf mir ruht.
»Entschuldigung … was hast du gerade gesagt?« Meine Stimme klingt brüchig, kaum lauter als ein Flüstern, als ich mühsam aus meiner Starre erwache. Erst jetzt wird mir bewusst, wie lange ich ihn schon angestarrt habe, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Ich blinzle verlegen und zwinge mich, den Blick zu senken, doch es ist längst zu spät. Mein Sitznachbar hat meine Verwirrung natürlich längst bemerkt. Er neigt den Kopf leicht zur Seite und wiederholt seine Worte.
»Ich sagte: Für eine so zierliche Frau hast du einen verdammt festen Griff. Du musst wirklich Angst vorm Fliegen haben.« Sein Ton ist nun ernster. Ich erkenne einen Hauch von Mitgefühl in seinem Blick. Irgendetwas an seiner gesamten Aura lässt mein Herz erneut schneller schlagen. Ich zwinge mich zu einer Antwort, um das seltsame Schweigen zwischen uns zu durchbrechen. »Ja, ich habe tatsächlich Angst vorm Fliegen. Schon seit Jahren, aber eigentlich nehme ich Medikamente dagegen. Normalerweise helfen sie mir auch.«
Ich versuche mühsam zu lächeln, doch es fühlt sich gezwungen und maskenhaft an. Gerade, als ich den Blick wieder abwenden will, um mich auf die vibrierende Wand aus Metall neben mir zu konzentrieren, fällt mein Blick auf meine rechte Hand. Mir bleibt fast das Herz stehen. Meine Finger liegen auf seinen. Nicht locker oder beiläufig. Ich halte seine Hand fest umklammert. Ich umklammere sie wie ein Rettungsanker, meine Knöchel sind weiß vor Anstrengung, und das offensichtlich schon die ganze Zeit über, ohne dass ich es auch nur im Entferntesten bemerkt habe.
Entsetzt reiße ich meine Hand zurück, als hätte sie sich in glühendem Eisen verfangen. »Oh Gott, das tut mir so leid! Ich weiß wirklich nicht, wie das passieren konnte.«
Mein Gesicht brennt vor Scham. Ich spüre, wie mir die Hitze bis in die Ohren steigt. Am liebsten würde ich im Sitz versinken, einfach verschwinden, wie eine verlorene Socke in der Waschmaschine. Ich wage es kaum, ihn wieder anzusehen. Seine Antwort kommt jedoch ganz anders als erwartet. »Mach dir keine Gedanken. Die meisten Menschen klammern sich in ihrer Angst an irgendetwas. Du hast dich eben für mich entschieden. Auch wenn andere lieber sterben würden, als sich auch nur in meiner Nähe aufzuhalten.« Er sagt das mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, doch es erreicht seine Augen nicht. Sein Blick ruht auf mir wie ein Messer, das nur darauf wartet, ob es gebraucht wird.
Ich schlucke fest. Für einen Moment vergesse ich sogar das Vibrieren des Flugzeugs unter mir. Mein Blick wandert unwillkürlich zu seiner Hand, die ich eben noch gehalten hatte. Ich frage mich, wie viele Menschen neben ihm gesessen haben und freiwillig wieder aufgestanden sind. Nicht, weil sie ihren Platz wechseln wollten, sondern weil sie es mussten. Er scheint nicht jemand zu sein, der anderen gern hilft. Eher wie jemand, der sich rücksichtslos nimmt, was er braucht.
»Du musst entweder sehr mutig oder sehr naiv sein«, sagt er beiläufig. Dann folgt ein kurzer Blick, in dem etwas liegt, das ich nicht deuten kann. »Vielleicht auch beides.« Bevor ich etwas erwidern kann, dreht er sich leicht zur Seite und beginnt mit jemand anderem zu sprechen. Mit einem Mann, der direkt in der Reihe neben uns sitzt.
Ich werfe einen verstohlenen Blick hinüber. Auch er trägt einen eleganten Anzug. Der Mann nickt kaum merklich und antwortet leise zurück. Ihre Worte sind kaum zu verstehen, doch ihr Tonfall ist kontrolliert. Sie scheinen sich also schon zu kennen. Ein ungutes Gefühl kriecht mir kalt den Rücken hinauf. Ohne groß nachzudenken, stehe ich kurz auf, um einen Blick über den gesamten Bereich der Business-Class zu werfen.
Ich sehe nur Männer. Einer nach dem anderen in dunklen Anzügen. Keine Kinder oder lachende Stimmen, nur kalte Blicke und eine unangenehme Stimmung. Ich lasse mich zurück in den Sitz fallen, als hätte mich etwas Unsichtbares gestoßen.
Plötzlich ergibt die Reaktion des Flugbegleiters von vorhin Sinn. Sein nervöser Blick und die Unsicherheit, als er meinen Boardingpass sah. Er wusste genau, was mich erwarten würde. Ich beiße fest die Zähne zusammen und zwinge mich, starr aus dem Fenster zu sehen. Doch das erweist sich schnell als Fehler.
Unter uns liegt bereits das endlose Blau des Himmels, nur unterbrochen von flüchtigen Wolkenfetzen, die wie Gespenster an uns vorbeiziehen. Das Flugzeug ist längst in der Luft. Oh Gott. Wir sind abgehoben …
Mein Herz schlägt schneller, als ich realisiere, dass wir uns von der Erde abgehoben haben. Innerlich bete ich, dass die Zeit hier oben schneller vergeht. Nicht nur wegen meiner lähmenden Flugangst, sondern auch wegen der Männer um mich herum. Sie wirken wie eine Mauer, die mich einengt und erdrückt. Ihre bloße Anwesenheit lastet schwer auf meinen Schultern.
»Sie können nun die Gurte lösen. Unser Bordservice beginnt gleich«, informiert uns eine Flugbegleiterin mit professioneller Stimme über die Lautsprecher. Ihre Durchsage klingt harmlos, aber ich spüre die Kälte in meinem Nacken. Um mich herum höre ich das Klicken der Gurte und das leise Rascheln von Stoff. Mein eigener Gurt bleibt fest um mich geschlungen. Niemals werde ich diesen lösen. Ich klammere mich an ihn wie an ein Versprechen, dass ich wenigstens diese kleine Kontrolle über meinen Körper behalten darf.
Da mir einfällt, dass ich Brownie noch etwas schulde, lehne ich mich leicht nach vorn und öffne vorsichtig ihre Box. »Du bist ganz tapfer, mein Schatz. Dafür wirst du belohnt.« Neugierig reckt sie den Kopf. Ihre großen Augen wandern durch die Kabine, doch sie bleibt brav bei mir auf dem Schoß sitzen. Ihre ruhige Präsenz beruhigt mich mehr, als ich zugeben möchte. Aus meiner Tasche ziehe ich eine kleine Packung mit ihren geliebten Leckerlis hervor.
»Du bekommst vier Stück. Wenn du weiter so brav bleibst, gibt es noch mehr«, flüstere ich leise, während ich sie liebevoll betrachte. Ihre Antwort ist ein lautes, selbstbewusstes Miauen, das mich kurz zum Kichern bringt. Brownie weiß genau, dass sie mit mir spielen kann, selbst hier oben über den Wolken.
Plötzlich streckt sie sich vor und leckt mir mit ihrer rauen Zunge über die Nasenspitze. Ein vertrautes Ritual, wenn es mir mal nicht gut geht. Ich lasse sie nicht länger warten und hole die Leckerlies aus der Verpackung. Sofort schnappt sie sich diese gierig, als hätte sie eine Ewigkeit darauf gewartet. Kaum sind sie verschwunden, beginnt sie wieder neugierig um sich zu schauen. Der Druck auf meinem Schoß wird plötzlich leichter. Als ich zu Brownie schaue, sehe ich, wie sie unruhig hin und her trippelt. Ihre Ohren sind nun gespitzt. Noch bevor ich reagieren kann, springt sie auf und läuft los. Ihr Ziel lässt mein Herz schneller schlagen. Sie steuert direkt auf den Schoß des Fremden zu.
»Brownie, nein!«, rufe ich heiser, aber eindringlich, während ich mich panisch nach ihr strecke. Doch es ist schon zu spät. Sie hat es sich längst auf seinen Knien gemütlich gemacht, eingerollt wie eine kleine Königin auf ihrem Thron. Er unterbricht sein Gespräch abrupt, dreht sich langsam um und lässt seinen Blick auf der kleinen Katze ruhen. Im nächsten Moment schaut er mir direkt in die Augen. In seinem Blick liegt eine Kälte, die mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. »Es tut mir leid! Ich nehme sie sofort!« Ich beuge mich hektisch vor, um Brownie zurückzuholen. Warum muss ich mich immer in solche Situationen bringen? Er unterbricht mich, bevor ich nach Brownie greifen kann.
»Sie darf sitzen bleiben. Ich mag Katzen.« Menschen mag er definitiv nicht, das ist mir bewusst. Ein kurzes Nicken folgt von ihm, bevor er sich wieder abwendet, als wäre das Thema für ihn endgültig erledigt. Und dann passiert etwas, das mich zutiefst verwirrt und zugleich unruhig macht.
Seine Hand hebt sich langsam und streicht Brownie sanft über den Kopf. Ihre Ohren zucken kurz, dann beginnt sie laut und zufrieden zu schnurren. Fast so, als wäre er der selbstverständlichste Platz der Welt. Ich spüre, wie sich meine Schultern verspannen.
Eigentlich ist Brownie immer bei mir, sie geht nie von allein auf andere Menschen zu. Schon gar nicht zu völlig Fremden. Bei ihm ist es aber anders. Sie hat ihn gewählt, als hätte sie keine Sekunde gezweifelt. Er akzeptiert es wiederum, ohne sie zurückzuschicken. Er mag Katzen? So sieht er nicht aus. Mit seinen stechenden Augen, seinem kantigen Gesicht und dem Anzug, der eher nach Gefahr riecht als nach Gemütlichkeit. Er wirkt nicht wie jemand, der ein Tier streichelt, weil es ihm Freude macht. Trotzdem beobachte ich ihn dabei, wie er es tut. Ich schaue auf Brownie, die sich wohlig in seinem Schoß räkelt, und frage mich unweigerlich, ob sie etwas spürt, was mir verborgen bleibt.
»Guten Tag, was hätten Sie gern?« Der Flugbegleiter von vorhin läuft durch den Gang und sammelt geduldig die Bestellungen der Passagiere ein. Sein freundliches Lächeln ist wie eine kleine Insel in diesem Meer aus Anspannung und Kälte. Schließlich kommt er bei uns an und seine Augen bleiben an mir hängen. Sein Lächeln wird ein bisschen wärmer, als er sich mir zuwendet. »Was hätten Sie gern?«, fragt er, während er sich leicht vorbeugt. Ich spüre den Blick meines Sitznachbarn, der sich interessiert zu uns dreht. Unsicher lächle ich zurück.
»Ich hätte gern Alkohol. Irgendetwas, ganz egal was. Hauptsache, es lenkt mich von meiner Flugangst ab.«, gestehe ich mit einem nervösen Lachen, das viel zu laut in meinen eigenen Ohren klingt. »Und vielleicht etwas zu essen. Den Caesar Salat bitte.«
Der Flugbegleiter schaut mich einen Moment länger an, um zu prüfen, ob ich meine Worte ernst meine. Dann nickt er, notiert sich alles und macht sich an die Arbeit. Aus meiner Tasche hole ich schon mein Portemonnaie hervor, noch bevor er zurückkommt. Als er mir schließlich das Glas mit dem Alkohol und den Teller reicht, danke ich ihm leise. Ich nehme ihm beides ab und halte dann das Geld hin. Er winkt ab. »Sie müssen nicht bezahlen. Hier ist alles kostenfrei«, erinnert er mich mit einem geduldigen Lächeln. »Ich weiß«, antworte ich sanft. »Sehen Sie es einfach als ein Dankeschön dafür, dass Sie mich noch reingelassen haben.«
Er hätte die Türen schließen und mich einfach zurücklassen können. Dieser Gedanke bleibt in meinem Kopf hängen, während ich das Glas vorsichtig an meine Lippen setze.
»Vielen Dank« Er lächelt mich an und schielt kurz zu meinem Sitznachbarn rüber. Er beugt sich noch ein Stück näher zu mir und spricht in einem fast verschwörerischen Tonfall. »Vorn gibt es noch einen Einzelplatz, falls Sie sich dort wohler fühlen sollten.« Ein Einzelplatz also? Der Gedanke klingt schon verlockend. Ein Platz, nur für mich, ohne den erdrückenden Blick neben mir. Bevor ich etwas antworten kann, ertönt die raue Stimme meines Sitznachbarn, mit einer Schärfe, die mir eine Gänsehaut beschert.
»Sie benötigt keinen anderen Platz. Sie bleibt hier bei mir.« Seine Worte sind so endgültig, dass ich unwillkürlich zusammenzucke.
Ein kleiner Schluck Wein gerät in die falsche Kehle. Ich verschlucke mich und huste laut. Der Flugbegleiter wirkt kurz verunsichert, doch er nickt nur knapp und zieht sich schnell zurück. Während ich versuche, wieder Luft zu bekommen, lehnt sich mein Sitznachbar entspannt zurück. Seine Augen mustern mich kühl, als wäre er sich völlig sicher, dass es gar keine andere Option gibt, als hier bei ihm zu bleiben. Meine Augen huschen ängstlich zu ihm, während mein Herz gegen meine Rippen donnert. Sein Blick ist unnachgiebig.
Ein Fluchtimpuls packt mich, alles in mir schreit danach, diesem Sitz zu entkommen. Er scheint es zu spüren, denn plötzlich hebt sich ein Mundwinkel und formt ein gefährliches, fast amüsiertes Lächeln. »Fürchtest du dich immer noch vor dem Fliegen oder etwa vor mir?«, fragt er so rau, dass es mir einen Schauer über den Rücken jagt. Ich weiß, dass er jede Lüge durchschauen würde, also zwinge ich mich zur absoluten Ehrlichkeit, auch wenn es mich verletzlich macht.
»Ehrlich gesagt trifft meine Angst auf beides zu«, hauche ich kaum hörbar, während ich mich in meinem Sitz verkrampfe. Zu meiner Überraschung scheint meine Antwort ihn zu amüsieren. Sein Lächeln wird einen Hauch weicher, fast anerkennend, bevor er sich von mir abwendet und sich wieder in sein Gespräch vertieft. Diese Geste lässt mich aufatmen, als hätte er mir für einen Moment die Erlaubnis gegeben, wieder atmen zu dürfen. Doch die Anspannung bleibt, wie ein dichter Nebel, der sich nicht einfach verziehen will.
*
Mittlerweile befinden wir uns im Sinkflug. Das tiefe Grollen der Triebwerke hat sich in ein hohes Summen verwandelt, und das heftige Rütteln ist nur noch ein fernes Zittern, doch meine Nerven gleichen gespannten Drahtseilen. Um mich irgendwie abzulenken, habe ich meinen Laptop hervorgeholt. Das helle Licht des Bildschirms brennt ein wenig in meinen Augen, während ich mich durch einen Berg ungelesener Mails arbeite.
Brownie liegt derweil immer noch zusammengerollt auf dem Schoß des Mannes neben mir. Sie wirkt dort so unverschämt zufrieden, als wäre sie bei ihm sicherer als bei mir. Ich versuche, mich auf die Zeilen vor mir zu konzentrieren, doch mein Blick stiehlt sich immer wieder zu ihr. Ich kann die Neugier nicht länger leugnen. Sie frisst sich wie ein kleiner Parasit in meine Gedanken.
Während meine Finger über die Tastatur fliegen, sind meine Ohren auf Empfang geschaltet. Ich lausche jedem Wort, das die Männer in den Reihen um mich herum wechseln. Oft fallen hohe Summen, während ich versuche, mich nicht anmerken zu lassen, wie aufmerksam ich bin. Ich tippe wilder, um den Eindruck zu erwecken, tief in Arbeit versunken zu sein, während ich in Wahrheit jedes Detail aufsauge. Doch dann senken sie ihre Stimmen. Das offene Reden weicht einem verschwörerischen Flüstern, das meine Nackenhaare aufstellen lässt. Wenn Menschen flüstern, haben sie etwas zu verbergen, und genau das macht es für mich erst recht spannend.
Wie von einem unsichtbaren Magneten gezogen, lehne ich mich Millimeter um Millimeter nach links. Ich ziehe meine Beine an und rutsche näher an die Kante meines Sitzes. Es wirkt fast wie ein Reflex, der mich dazu bringt, näher an seine Welt heranzurücken.
»Die Verhandlungen enden heute. Dann stehen auch die Mengen der neuen Waren fest«, höre ich einen der Männer in der Reihe vor uns sagen. Seine Stimme ist rau und besitzt einen Unterton, der mich unwillkürlich frösteln lässt. Mein Herzschlag beschleunigt sich. Plötzlich verliert die Excel-Tabelle auf meinem Laptop jede Bedeutung. Neue Waren? Warum fühlt es sich so an, als hätte ich gerade eine Tür zu einem Raum aufgestoßen, den ich niemals betreten sollte?
Doch im nächsten Moment verstummen die Stimmen komplett. Die plötzliche Stille im Gang ist ohrenbetäubend. Verdammt! Die Neugier windet sich in meinem Bauch wie eine hungrige Schlange. Ich muss noch ein Stück näher ran, nur ein kleines bisschen. Gerade will ich meine Beine noch weiter in seine Richtung drehen, da spüre ich plötzlich einen warmen Atem direkt an meinem Ohr. Ein heftiger Schauder jagt mir über den Rücken und lässt mich auf der Stelle erstarren.
»Man sollte aufpassen, welche Gespräche man belauscht. Besonders dann, wenn man dabei so offensichtlich erwischt wird.« Seine Stimme klingt fast beiläufig, und doch liegt darin ein unüberhörbarer Ernst, der mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Das Gefühl von Scham kriecht in meinen Nacken, ehe ich es überhaupt richtig begreifen kann. Ich wurde eiskalt erwischt ...
»Ich weiß nicht, wovon du redest« Mein Herz hämmert wie wild gegen meine Rippen. »Ich wollte nur meine Beine ein bisschen strecken. Die sind eingeschlafen.« Als ich es wage, zu ihm aufzublicken, fixiert er mich mit einem Blick, der alles andere als amüsiert ist. Seine goldenen Augen wirken jetzt wie geschliffener Bernstein.
»Du wolltest deine Beine strecken? Wir sind hier in der Business-Class. Hier gibt es reichlich Platz. Dafür wird meine unmittelbare Nähe nicht benötigt.« Seine Worte treffen mich messerscharf. Er hat recht und weiß genau, dass ich gerade gelogen habe wie eine Anfängerin.
Für einen Moment weiß ich nicht, was ich darauf sagen soll. Meine Wangen glühen stark vor Verlegenheit. »Ich … ich nehme sie nun lieber zurück«, hauche ich beschämt. Mit zittrigen Fingern schalte ich meinen Laptop aus und stopfe ihn hastig in die Tasche. Dann greife ich mit beiden Händen nach Brownie. Sie gibt ein leises, fast schon beleidigtes Miauen von sich, als ich sie aus ihrer gemütlichen Kuhle auf seinem Schoß hochhebe. »Du warst lang genug bei ihm«, murmle ich in einem Ton, der ein wenig besitzergreifend klingt.
Vorsichtig setze ich sie zurück in ihre Box und atme erst auf, als sie sich dort wieder einrollt. Doch als mein Blick noch einmal zu seinem Schoß huscht, bleibt mir fast der Atem weg. Sein sündhaft teurer Anzug ist nun übersät mit feinen, braunen Katzenhaaren. Sie heben sich von dem edlen Stoff ab wie ein leuchtendes Mahnmal meiner Unbeholfenheit. Ein schuldbewusstes Lächeln huscht über mein Gesicht. »Es tut mir leid! Ich habe eine Fusselrolle dabei …«, sage ich schnell und wühle hektisch in meiner Tasche, bis ich das kleine Ding endlich finde.
»Brownie haart furchtbar, wenn sie aufgeregt ist. Das fällt auf dunklem Stoff extrem auf.« Er nimmt mir die Rolle ohne ein Wort aus der Hand und fährt mit einem leichten Schwung über seine Hose. Ich beobachte ihn still dabei und bin fasziniert davon, dass er selbst bei so einer banalen Tätigkeit eine unerschütterliche Autorität ausstrahlt. Er macht aus dem Entfernen von Katzenhaaren einen Akt vollkommener Kontrolle.
Schließlich reicht er mir die Fusselrolle zurück. Unsere Finger berühren sich dabei für einen winzigen Wimpernschlag. Es ist kaum eine Berührung zu nennen, doch der elektrische Schlag, der durch meinen Arm fährt, bringt mich vollkommen aus dem Konzept.
»Sie ist süß«, bemerkt er knapp. Ich nicke dankend. »Ja, das ist sie.« Für einen Moment habe ich das Gefühl, als wäre alles andere um uns herum ausgeblendet. Doch das kühle Funkeln in seinen Augen erinnert mich sofort wieder daran, dass dieser Mann kein gewöhnlicher Mitreisender ist.
»Liebe Passagiere, wir beginnen nun mit dem endgültigen Landeanflug. Bitte bringen Sie Ihre Sitze in eine aufrechte Position und schnallen Sie sich wieder an«, ertönt die Durchsage, die mir sofort eine Gänsehaut beschert. Schnell wende ich meinen Blick vom Fenster ab und versuche, ruhig zu atmen. Ich will nicht sehen, wie uns die Erde entgegenrast. Das rhythmische Klicken der Gurte um mich herum erfüllt die Luft, als alle sich anschnallen. Dieses Geräusch lässt mein Herz schneller schlagen, fast so, als würde es mir den nahenden Aufprall ansagen.
Ein leises Wimmern will sich aus meiner Kehle lösen, doch ich presse die Lippen fest aufeinander. Die Kabinenbeleuchtung wird gedimmt, und das Flugzeug kippt leicht nach vorne. Mein Atem stockt. Ich kralle meine Fingernägel in die Polster meines Sitzes und drücke mich so fest nach hinten, als könnte ich dadurch das Sinken verhindern.
Plötzlich geschieht etwas völlig Unerwartetes. Eine große Hand legt sich fest und sicher um meine. Ich starre darauf hinab, unfähig zu begreifen, was ich da sehe. Der Fremde, der mich eben noch mit seinen Worten wie ein Insekt aufgespießt hat, hält meine Hand.
»Bevor ich wieder unter deinem festen Griff gefangen bin, umgreife ich lieber freiwillig deine Hand«, sagt er mit einem leichten Schmunzeln im Gesicht. Es klingt fast wie ein Scherz, doch der Druck seiner Finger verrät eine unbestreitbare Ernsthaftigkeit. Er beginnt, ganz langsam mit seinem Daumen über meinen Handrücken zu streichen. Diese Berührung … sie beruhigt mich mehr, als ich zugeben möchte.
Ich atme tief ein und versuche, das bedrohliche Dröhnen der Landeklappen auszublenden. Stattdessen konzentriere ich mich nur auf das Gefühl seiner Haut, auf die gleichmäßige Bewegung seines Daumens und die Kraft, die von ihm ausgeht. Ich schließe die Augen und lasse es einfach zu. In diesem Moment ist mir egal, wer er ist oder was für dunkle Geschäfte er plant. In diesem Moment zählt nur diese Hand, die mich wie ein Anker in der stürmischen Luft festhält. Es hilft tatsächlich. Und das ist das Erschreckendste von allem.
*
»Wir sind gelandet. Sie können nun Ihre Gurte lösen. Bitte warten Sie noch einen Moment, die Türen öffnen sich gleich.« Die Stimme der Flugbegleiterin reißt mich jäh aus meiner Trance. Ich reiße die Augen auf, ein heftiges Zittern durchläuft meinen gesamten Körper. Ich habe es geschafft!
Erleichterung flutet mein System, vermischt sich jedoch mit einer bleiernen Erschöpfung, die mich fast wieder in das Polster drückt. Vorsichtig ziehe ich meine Hand aus dem festen Griff meines Sitznachbarn. Die plötzliche Kälte an meiner Handfläche ist so unmittelbar, dass ich kurz schlucken muss. Nichts wie raus hier …
Ich löse meinen Gurt mit einem metallischen Klicken, springe auf und beginne hastig, meine Sachen zusammenzuraffen. Alles in mir schreit nur noch nach festem Boden unter meinen Füßen und einem Ort, an dem ich mich sicher fühlen kann.
Doch bevor ich flüchten kann, schneidet seine Stimme durch den Lärm der aufspringenden Gepäckfächer. »Man sieht sich immer zweimal im Leben, Ophelia Sinclair.« Dieser Tonfall lässt mich augenblicklich erstarren. Langsam drehe ich mich zu ihm um, unfähig zu verbergen, wie tief dieser Treffer sitzt. Woher zur Hölle kennt er meinen Namen? Ein eisiger Schauer kriecht über meinen Rücken, als er mir ein gefährliches Zwinkern schenkt.
»Woher kennst du meinen Namen?«, flüstere ich misstrauisch. Ich habe ihm meinen Namen nicht genannt, da bin ich mir absolut sicher. Er zuckt nur mit den Schultern, als hätte ich ihn nach dem Wetter gefragt. Sein Blick gleitet kurz hinab zu meiner Hand, die sich ungewollt an seinen Arm geklammert hat.
»Warte! Wie heißt du?«, stoße ich hervor, bevor er im Gedränge verschwinden kann. Er lässt seinen Blick auf mir ruhen, wägt ab, wie viel er mir preisgeben will, und fixiert dann meine Augen mit einer Intensität, die mir fast den Atem raubt. »Dominic.« Mit einem rätselhaften Lächeln auf den Lippen zieht er seinen Arm aus meinem Griff, wendet sich ab und reiht sich mit den anderen Männern ein, die das Flugzeug verlassen. Dominic. Sein Name hallt in meinem Kopf nach, wie ein Echo in einer leeren Halle. Ich verfolge seine breiten Schultern mit den Augen, bis er in der Menge verschwindet. Irgendetwas sagt mir, dass es nicht das letzte Mal war, dass ich ihn sehen werde …
Ich schüttle den Kopf, um die Verwirrung zu vertreiben, greife nach Brownies Box und verlasse schließlich das Flugzeug. Sobald ich den Flieger verlasse und ins Freie trete, umfängt mich die warme Sonne von Pila. Endlich wieder festen Boden unter den Füßen …
Pila ist eine traumhafte Stadt, in der ich von nun an leben werde. Trotz der bitteren Vorwürfe meiner Eltern und der endlosen, zermürbenden Diskussionen am Küchentisch bereue ich diese Entscheidung in diesem Moment keine Sekunde. Im Gegenteil, ich spüre eine prickelnde Vorfreude in mir aufsteigen. Ich steuere auf die Reihe der glänzenden Autos und Busse zu, die am Rand bereitstehen.
Plötzlich löst sich ein Fahrer aus der Gruppe und tritt direkt auf mich zu.
»Guten Tag, Frau Sinclair«, begrüßt er mich freundlich. Er nimmt mir sofort und ohne zu zögern mein Gepäck ab und deutet mit einer einladenden Geste auf eine schwarze Limousine. Dankbar nicke ich ihm zu, zu erschöpft für große Worte, und folge ihm.
Während er uns geschickt vom Rollfeld wegsteuert, lehne ich mich zurück und betrachte durch die getönten Scheiben das geschäftige Treiben des Flughafens. »Ich warte am Ausgang auf Sie, sobald Sie durch die Kontrolle sind«, informiert er mich höflich, als wir vor der großen Ankunftshalle zum Stehen kommen. Ich atme tief durch. Nur noch ein paar letzte Hürden, dann kann ich endlich in meine neue Wohnung einziehen.
Mit Brownie sicher in ihrer Transportbox steuere ich auf den gläsernen Eingang zu. Wir reihen uns in die lange Schlange vor der Sicherheitskontrolle ein. Noch ein paar Minuten, dann beginnt mein neues Leben in Pila, und hoffentlich kehrt damit auch ein wenig Normalität ein. Ich ziehe die Box etwas fester an mich, als wir uns langsam vorwärts schieben.
»Alles gut, Brownie«, murmle ich leise, als ich merke, wie sie unruhig wird. Ihre großen Augen schauen mich fragend an. Ich schiebe einen Finger durch die Öffnung und streichle sie sanft, um sie zu beruhigen. Dann bin ich an der Reihe. Der Sicherheitsbeamte begrüßt mich mit einem routinierten Lächeln und deutet auf die grauen Plastikwannen. Ich ziehe meine Jacke aus, lege meinen Laptop und das Handy hinein, gefolgt von meiner Tasche. Brownie bleibt in ihrer Box, die ich mit äußerster Vorsicht neben meine Sachen stelle.
»Bitte auch die Schuhe ausziehen«, fordert mich der Beamte noch auf. Während ich meine Sneaker in die Wanne lege, spüre ich, wie Brownie nervös in der Box hin und her trippelt. »Ganz ruhig, Kleines, gleich haben wir es«, flüstere ich ihr beruhigend zu. Die Wanne verschwindet auf dem Band und ich laufe durch den Metalldetektor. Ein leises Piepen ertönt, als ich hindurchschreite.
»Einmal kurz zur Nachkontrolle.« Eine Beamtin tritt vor und fährt mit dem Handscanner über meinen Körper. Als das Gerät stumm bleibt, lächelt sie kurz und nickt mir zu. »Alles in Ordnung. Sie können Ihre Sachen nehmen.«
Erleichtert atme ich aus und eile zur anderen Seite des Bandes. Ich schlüpfe in meine Jacke, verstaue die Technik und hebe Brownie wieder hoch. Sie miaut kläglich, als ich die Box schützend an meine Brust ziehe. »Wir haben es gleich geschafft, mein Schatz«, hauche ich, während ich im Stehen meine Schuhe wieder anziehe. Ich laufe zum Ausgang, wo mein Fahrer bereits mit einem kleinen Schild wartet. »Möchten Sie direkt nach Hause, Frau Sinclair?«, fragt er, während er mir die schwere Wagentür aufhält. Ich antworte mit einem müden Gähnen und einem erschöpften Nicken. »Ja, bitte. Direkt nach Hause.« Er steigt ein und fädelt sich in den Verkehr ein. Ich lehne meinen Kopf an die kühle Fensterscheibe und schaue hinaus.
Schon nach wenigen Minuten wird mir klar, wie wunderschön dieser Ort tatsächlich ist. Überall ragen Palmen in den strahlend blauen Himmel und wiegen sich sanft im warmen Küstenwind. Dahinter erstrecken sich helle Sandstrände, die wie gemalt wirken. Das Wasser glitzert in einem unglaublichen Türkis, und ich beobachte, wie kleine weiße Segelboote auf den Wellen tänzeln.
Wir fahren an einem Hafen vorbei, in dem elegante Yachten ankern, deren poliertes Chrom in der Sonne blitzt. Das Licht der tiefstehenden Sonne färbt die gesamte Szenerie in ein flüssiges Gold. Es gibt mir das erste Mal seit Langem das Gefühl, wirklich angekommen zu sein. Es ist wie ein Paradies - warm, lebendig und voller Möglichkeiten.
Ich kann es kaum fassen, dass ich hier leben werde. Trotzdem spüre ich nun die Erschöpfung, die sich durch meinen Körper zieht. Ich schließe kurz die Augen, atme den süßlichen Duft der Stadt ein und denke an morgen. Mein erster Arbeitstag im Krankenhaus steht bevor, und ich weiß, dass ich dort alles geben muss. Doch für diesen einen Moment genieße ich einfach nur die Fahrt durch mein neues Zuhause, während wir tiefer in das Herz der Stadt vordringen. Ich kann es kaum erwarten, die Tür hinter mir zu schließen, mich in mein neues Bett zu werfen und einfach nur anzukommen.
*
»Wir sind angekommen, Frau Sinclair«, informiert mich der Fahrer mit einem sanften Bremsen, als er den Wagen perfekt am Bordstein zum Stehen bringt. Ich blicke aus dem Fenster, und mein Herz macht einen freudigen Sprung gegen meine Rippen. Wir stehen direkt am Jachthafen. Das glitzernde Wasser reflektiert die letzten Strahlen der Sonne, und die Masten der Boote wiegen sich wie im Takt eines lautlosen Liedes. Mein neues Zuhause liegt mitten in diesem wunderschönen, belebten und doch sicher wirkenden Viertel.
Hastig schnalle ich mich ab, öffne die schwere Tür und steige in die warme Abendluft hinaus. Der Fahrer macht Anstalten, mich bis zur Tür zu begleiten, doch ich winke lächelnd ab. »Vielen Dank für die Fahrt«, sage ich und reiche ihm ein großzügiges Trinkgeld. Er bedankt sich mit einem höflichen Nicken und schließt den Kofferraum, nachdem er mein Gepäck auf den Gehweg gestellt hat. Leise rollt er davon.
Ich greife nach Brownies Transportbox und hebe sie auf Augenhöhe. »Nun, da sind wir, Kleines. Es sieht hier aus wie in einem Traum, oder?« Ich drehe die Box ein Stück, damit sie durch das Gitter das Panorama des Hafens erfassen kann. Ein lautes Miauen schallt mir entgegen, was ich in diesem Moment einfach als begeisterte Zustimmung interpretiere. Ich laufe auf den imposanten Eingang des Wohnhauses zu. Die warme Meeresluft streicht mir über die Wangen wie eine sanfte Liebkosung. Prächtige Palmen säumen die breiten Straßen, ihre langen Schatten tanzen im goldenen Schein der untergehenden Sonne auf dem Asphalt.Die Luft riecht nach Salz und einer Brise von Blumen, die irgendwo in der Nähe blühen.
Unten in der Lobby nickt mir ein Security-Mitarbeiter in einer tadellosen Uniform aufmerksam zu. »Guten Abend. Mein Name ist Ophelia Sinclair. Ich bin heute neu hergezogen und müsste meine Schlüssel abholen.« Ich stelle Brownie kurz am Boden ab, durchwühle meine Tasche und ziehe meinen Ausweis heraus, den ich ihm überreiche.
Der Mann wirft einen geschulten Blick darauf, vergleicht das Foto mit meinem Gesicht und tippt dann konzentriert etwas in seinen Computer ein. Nach ein paar Sekunden, in denen nur das leise Summen der Klimaanlage zu hören ist, schiebt er mir eine edle, goldschimmernde Karte über den Tresen. »Das ist Ihre Schlüsselkarte, Frau Sinclair«, erklärt er mir. »Der Bereich hier unten ist rund um die Uhr besetzt. Sie brauchen die Karte, um den Aufzug zu Ihrer Wohnung zu aktivieren. Sollte irgendetwas sein, finden Sie auf der Rückseite der Karte eine Telefonnummer. Rufen Sie einfach an.« Klingt gut.
»Vielen Dank.« Ich nehme die Karte entgegen, lasse sie in meine Tasche gleiten und greife wieder nach Brownie und meinem Koffer.
Ein letztes Mal lasse ich meinen Blick durch die prunkvolle Lobby schweifen, bevor ich auf die Fahrstühle zusteuere. Meine Wohnung befindet sich in der siebten Etage.
Als sich die Türen öffnen und ich den Flur betrete, spüre ich eine Welle der Erleichterung. Ich bin so froh, dass ich das Umzugsunternehmen schon vor Wochen beauftragt habe, alles herzubringen. Die Möbel stehen und die Kisten sind weitestgehend ausgepackt. Ich muss mich eigentlich nur noch ins Bett fallen lassen.
Ich trete über die Schwelle und schalte das Licht ein. Das Design der Wohnung ist genau so, wie ich es mir erträumt habe: viel klares Weiß kombiniert mit Akzenten in tiefem Dunkelblau. Dunkelblau war schon immer meine Lieblingsfarbe. Es beruhigt meine aufgewühlten Nerven, gibt mir ein Gefühl von Tiefe und maritimer Sicherheit. Das Weiß wirkt dazu elegant, frisch und zeitlos.
»So, meine Schöne. Schau dich mal in Ruhe um.« Ich stelle die Box auf den weichen Teppich im Wohnzimmer, öffne die Verriegelung und trete einen Schritt zurück. Brownie zögert keine Sekunde. Neugierig und mit hoch erhobenem Schwanz hüpft sie heraus. Ihre Nase zuckt, während sie jede Ecke, jedes Tischbein und jeden neuen Geruch akribisch inspiziert. Ich lasse sie gewähren und laufe direkt ins Schlafzimmer. Die Erschöpfung drückt mir mittlerweile bleischwer auf die Schultern. Ich brauche keine weiten Erkundungstouren mehr, ich brauche nur noch Schlaf.
Schnell ziehe ich meine Reisekleidung aus und schlüpfe in mein blaues Seidennachthemd. Im Badezimmer putze ich mir schnell die Zähne. Während ich vor dem Spiegel im Badezimmer stehe, lasse ich meinen Blick kurz über mein erschöpftes Gesicht gleiten. Meine Augen sind schwer, die Lippen trocken, und dennoch zwinge ich ein kleines Lächeln auf meine Lippen, als ich nach meinem Handy greife. Ich weiß, dass meine Eltern sicher schon ungeduldig auf meinen Anruf warten. Sie kennen mich nur zu gut und wissen, wie sehr mich diese Reise nervlich beansprucht hat.
Mit einem tiefen Atemzug wähle ich die Nummer und drücke auf den Hörer. Das vertraute Klingeln beruhigt mich, bis schließlich das Bild meiner Mutter auf dem Bildschirm erscheint. Für einen Moment schaut sie verwirrt auf ihr Handy, bis sie mich erkennt und ihre Augen zu strahlen beginnen. »Maus! Geht es dir gut? Wie war dein Flug?«, sprudelt es aus ihr heraus. »Es war in Ordnung«, antworte ich mit einem müden Lächeln. Bewusst verschweige ich die Begegnung mit meinem merkwürdigen Sitznachbarn. Ich will meine Eltern nicht verunsichern.
»Ist Papa auch da?« Mama nickt, steht vom Sofa auf und ruft in die andere Richtung: »Ophelia ist am Telefon!« Nur wenige Augenblicke später schiebt sich das Gesicht meines Vaters mit ins Bild. Er wirkt etwas abgekämpft, aber als er mich sieht, huscht ein liebevolles Lächeln über sein Gesicht. »Na, meine Kleine. Alles in Ordnung? Hast du schon was Vernünftiges gegessen?«, fragt er mit einem besorgten Unterton in seiner Stimme. »Ja, Papa. Ich habe etwas gegessen. Ich wollte euch nur sagen, dass ich gut angekommen bin. Ihr müsst euch keine Sorgen machen«, versichere ich ihm und kann in seinen Augen lesen, wie sehr er mich in diesem Moment am liebsten in den Arm nehmen würde.
Beide sehen erleichtert aus, doch ich spüre deutlich, wie schwer es meinem Papa fällt, nicht einfach den nächsten Flieger zu nehmen und hier bei mir zu sein. »Wir sind so stolz auf dich, Ophelia. Dass du diesen großen Schritt wagst und das alles allein durchgezogen hast. Aber wenn du irgendetwas brauchst, dann ruf uns bitte jederzeit an, ja?« Ich nicke dankbar. »Mach ich. Versprochen«, antworte ich leise und spüre, wie sehr ich diese Zusicherung gerade brauche.
Wir plaudern noch ein wenig, tauschen ein paar belanglose Geschichten aus, während meine Lider immer schwerer werden und mein Kopf gegen den Türrahmen sinkt. Schließlich verabschiede ich mich mit einem kurzen »Ich habe euch lieb«, bevor ich das Gespräch beende und das Handy auf die Ablage lege. Ich verlasse das Badezimmer und gehe zurück in mein Schlafzimmer, wo Brownie sich bereits zusammengerollt auf meinem Kissen niedergelassen hat. Ihre Augen sind halb geschlossen, das leise Schnurren klingt wie Musik in meinen Ohren.
Vorsichtig, um sie nicht zu verscheuchen, schlüpfe ich unter die kühle Bettdecke. Sofort umschließt mich die Müdigkeit wie eine warme Welle. Der ganze Giftstoff des Stresses, der Adrenalinschub im Flugzeug und die Aufregung der Ankunft weichen einem tiefen Gefühl der Geborgenheit. Alles wird gut, Ophelia. Morgen beginnt dein neues Leben.
Mit diesem letzten Gedanken, der wie ein Versprechen in meinem Kopf widerhallt, sinke ich in einen tiefen und bitter nötigen Schlaf.
Ayla Öztürk - AYOEZ
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